Stell dir vor, du stehst im Kunstbedarfsladen vor einem Regal voller bunter Kreiden. Die Farben leuchten dich an, du willst endlich loslegen – aber gleichzeitig schwirrt dir der Kopf. Was brauchst du wirklich? Wie fängst du an? Und vor allem: Warum sehen die Bilder auf Instagram immer so verdammt professionell aus, während du befürchtest, dass dein erstes Werk aussieht wie ein Kindergarten-Experiment?
Ich verrate dir was: Genau diese Gedanken hatte ich auch. Und weißt du, was das Verrückte ist? Die meisten Leute überkomplizieren den Einstieg in die Pastellmalerei dermaßen, dass sie nie wirklich anfangen. Dabei ist Pastell eigentlich eine der dankbarsten Techniken für Einsteiger. Keine Wartezeiten wie bei Öl, keine Wassertropfen auf dem Tisch wie bei Aquarell – nur du, die Kreiden und pures kreatives Vergnügen.
Lass uns das Ganze mal entspannt angehen. Ich zeige dir heute nicht nur, wie du dein erstes Pastellbild malst, sondern auch, wie du dabei richtig Spaß hast und echte Fortschritte machst. Ohne unnötigen Schnickschnack, ohne Profi-Gehabe – einfach ehrlich und praxisnah.
Bevor wir ins Detail gehen, lass mich kurz erklären, warum ich Pastell für Anfänger so genial finde. Die Farben sind unglaublich intensiv – viel leuchtender als Buntstifte. Du kannst sie sofort korrigieren, wenn dir was nicht gefällt. Und das Beste: Du siehst sofort Ergebnisse. Keine langen Trocknungszeiten, kein kompliziertes Mischen auf einer Palette. Du nimmst eine Kreide, malst damit – fertig.
Außerdem ist die Haptik einfach fantastisch. Wenn du mit den Fingern die Farben verblendest, spürst du regelrecht, wie das Bild unter deinen Händen entsteht. Das hat was Meditatives, was Beruhigendes. Perfekt, um nach einem stressigen Tag runterzukommen.
Jetzt wird's konkret. Du brauchst natürlich ein paar Sachen, um loszulegen. Aber – und das ist mir wirklich wichtig – du brauchst NICHT das teuerste Profi-Equipment. Ich sehe immer wieder Anfänger, die sich für 200 Euro Material kaufen und dann frustriert sind, weil sie damit nicht umgehen können. Das ist, als würdest du dir als Fahranfänger direkt einen Porsche kaufen. Nett, aber sinnlos.
Pastellkreiden sind dein Hauptwerkzeug. Es gibt grundsätzlich zwei Arten: Softpastelle (weich, intensiv, perfekt für Anfänger) und Hartp/astelle (eher für Details und Skizzen). Für den Start holst du dir ein 12er- oder 24er-Set Softpastelle mit Grundfarben. Achte darauf, dass mindestens verschiedene Rottöne, Blautöne, Gelb, Grün, Braun, Schwarz und Weiß dabei sind. Marken wie Rembrandt oder Faber-Castell haben gute Einsteiger-Sets, aber auch No-Name-Produkte können für die ersten Versuche völlig ausreichen.
Pastellpapier ist der zweite wichtige Punkt. Hier machst du als Anfänger oft den ersten Fehler: Du nimmst normales Zeichenpapier. Das funktioniert nicht, weil die Kreide darauf nicht hält. Pastellpapier hat eine raue Oberfläche – eine Körnung –, die die Pigmente "festhält". Velourpapier fühlt sich samtig an, Schmirgelpapier ist deutlich rauer. Für den Anfang würde ich dir zu einem mittelgroßen Block mit Tonpapier raten – das hat eine moderate Körnung und ist günstig. Du bekommst solche Blöcke in verschiedenen Farbtönen. Nimm ruhig ein graues oder beiges Papier, das gibt deinen Bildern schon eine schöne Grundstimmung.
Ein Knetradierer gehört auch zur Grundausstattung. Der ist weich wie Knete und lässt sich in jede Form bringen. Damit kannst du Lichter zurückholen oder kleine Korrekturen machen, ohne das Papier zu beschädigen. Kostet ein paar Euro und ist Gold wert.
Zum Verwischen brauchst du entweder deine Finger (günstig, immer dabei, funktioniert super) oder sogenannte Estompen – das sind fest gerollte Papierstifte. Wenn du mit den Fingern arbeitest, halt einfach ein Taschentuch bereit, um zwischendurch die Farbe abzuwischen. Sonst vermischst du irgendwann alles zu einem unansehnlichen Grau.
Das war's. Wirklich. Kein Schnickschnack, keine zehn verschiedenen Spezialpinsel, keine Staffelei. Kreiden, Papier, Radierer, Finger. Mehr brauchst du nicht.
Jetzt wird's spannend. Viele Anfänger machen hier den größten Fehler überhaupt: Sie suchen sich ein viel zu komplexes Motiv aus. Ich weiß, du willst vielleicht unbedingt deinen Hund malen oder diese atemberaubende Berglandschaft aus dem letzten Urlaub. Versteh ich total. Aber glaub mir: Das führt nur zu Frust.
Für dein allererstes Bild wählst du etwas so Einfaches, dass es fast langweilig wirkt. Ein Apfel. Eine Birne. Eine Tasse. Oder eine einzelne Blume mit klaren, einfachen Formen – keine Rose mit hundert Blütenblättern, sondern vielleicht eine Tulpe oder eine Sonnenblume.
Warum so simpel? Weil du dich auf die Technik konzentrieren sollst, nicht auf die Form. Bei einem Apfel lernst du alles, was du brauchst: Farbverläufe, Schattierungen, Highlights, räumliche Tiefe. All das in einem überschaubaren Format. Wenn du das draufhast, kannst du dich an komplexere Motive wagen. Aber für den Anfang gilt: Keep it simple, stupid.
Okay, du hast dein Motiv gewählt – sagen wir mal einen Apfel. Jetzt legst du eine leichte Skizze an. Nimm dafür entweder einen harten Bleistift (HB oder H) oder eine helle Pastellkreide in einer Farbe, die später im Bild vorkommt – zum Beispiel ein helles Rot für den Apfel.
Wichtig: Zeichne die Konturen ganz locker. Kein festes Drücken, keine akribischen Details. Es geht nur darum, die Grundform und die Proportionen grob festzulegen. Der Apfel sollte rund wirken, nicht wie ein Quadrat – aber er muss nicht perfekt sein. Ehrlich gesagt ist "perfekt" in der Kunst sowieso überbewertet. Kleine Unebenheiten machen dein Bild oft lebendiger als sterile Perfektion.
Falls du unsicher bist, leg ein Foto oder den echten Apfel neben dich und beobachte die Form. Wo ist er am breitesten? Wo sitzt der Stiel? Welche Form hat der Schatten unten? Nimm dir zwei, drei Minuten Zeit zum Beobachten. Das hilft enorm.
Jetzt geht's los mit der Farbe. Nimm eine mittlere Rottönung (oder welche Farbe auch immer zu deinem Motiv passt) und male die großen Flächen aus. Arbeite dabei mit seitlichen Strichen – leg die Kreide also flach aufs Papier, statt nur mit der Spitze zu malen. Das gibt dir schnell viel Farbdeckung.
Hier ist ein wichtiger Grundsatz: Arbeite von hell nach dunkel. Das bedeutet, du beginnst mit den helleren Farbtönen und legst dunklere Schichten darüber. Warum? Weil du helle Farben viel leichter mit dunklen überdecken kannst als andersherum. Versuch mal, mit Gelb über Dunkelbraun zu malen – das funktioniert nicht wirklich. Aber Dunkelbraun über Gelb? Kein Problem.
Bei unserem Apfel würdest du also mit einem mittleren Rot anfangen, vielleicht ein bisschen Gelb in den Bereichen ergänzen, wo später die Lichtreflexe sitzen. Keine Sorge, wenn es jetzt noch fleckig und ungleichmäßig aussieht. Das ist völlig normal und wird gleich behoben.
Jetzt kommt der Moment, wo viele das erste Mal denken: "Wow, das sieht ja tatsächlich gut aus!" Du nimmst deinen Finger oder einen Estompen und verblendest die Farben. Einfach über die aufgetragene Kreide reiben und die Pigmente sanft ins Papier einarbeiten.
Dabei entstehen weiche Übergänge. Das Rot fließt ins Gelb, die Farben verschmelzen – und plötzlich sieht dein Apfel nicht mehr aus wie eine Kinderzeichnung, sondern wie ein echtes Bild. Das ist der Punkt, wo die meisten Anfänger das erste Mal grinsen müssen, weil sie merken: "Hey, ich kann das ja!"
Aber Vorsicht: Nicht zu viel wischen. Das ist der klassische Anfängerfehler. Wenn du jede Stelle drei Mal verblendest, wird alles matschig und verliert seine Struktur. Verwische gezielt die Bereiche, wo du weiche Übergänge willst, aber lass auch mal etwas Struktur stehen. Die macht dein Bild lebendig.
Jetzt wird dein Apfel dreidimensional. Dafür brauchst du Schatten und Highlights.
Schatten: Überlege dir, wo deine Lichtquelle ist. Kommt das Licht von links oben? Dann liegt der Schatten rechts unten. Nimm eine dunklere Farbe – bei einem roten Apfel zum Beispiel ein dunkles Rotbraun oder sogar ein dunkles Violett – und arbeite damit die Schattenbereiche heraus. Verblende auch diese wieder sanft, damit keine harten Kanten entstehen.
Highlights: Hier kommt das Weiß ins Spiel. Oder ein sehr helles Gelb, je nachdem. Setze kleine Lichtpunkte dort, wo das Licht direkt auf den Apfel trifft. Ein kleiner Punkt oben, vielleicht eine hellere Fläche an der Seite. Das muss gar nicht groß sein – oft reicht ein winziger Akzent, um den ganzen Apfel zum Leuchten zu bringen.
Durch diese Hell-Dunkel-Kontraste bekommt dein Motiv Tiefe. Es "poppt" regelrecht aus dem Papier heraus. Das ist der Moment, wo aus einer flachen Farbfläche ein plastisches Objekt wird.
Viele Anfänger konzentrieren sich so sehr aufs Hauptmotiv, dass sie den Hintergrund vergessen oder nur hastig ausfüllen. Dabei ist der Hintergrund total wichtig. Er gibt deinem Motiv erst den richtigen Rahmen.
Du musst keine komplexe Landschaft malen. Ein einfacher Farbverlauf reicht völlig. Nimm zum Beispiel ein helles Blau und ein sanftes Grau und ziehe einen weichen Übergang von oben nach unten. Oder arbeite mit Komplementärfarben – bei einem roten Apfel würde ein grünlicher Hintergrund einen schönen Kontrast bilden.
Wichtig ist nur: Der Hintergrund sollte ruhig sein. Er darf nicht vom Motiv ablenken, sondern soll es unterstützen. Verblende ihn großzügig, damit keine harten Striche zu sehen sind.
Wenn du zufrieden bist mit deinem Bild, kommt der letzte Schritt: das Fixieren. Pastellkreide haftet nicht permanent auf dem Papier – wenn du mit dem Finger drübergehst, verschmiert alles. Deshalb gibt es Fixativ-Spray.
Geh damit aber sparsam um. Zu viel Spray lässt die Farben verblassen und nimmt deinem Bild die Leuchtkraft. Halte die Dose etwa 30 Zentimeter vom Bild entfernt und sprühe in dünnen Schichten. Lieber zwei Mal leicht fixieren als einmal zu viel.
Manche Künstler fixieren gar nicht und bewahren ihre Bilder einfach hinter Glas auf. Das ist auch eine Option, wenn du auf Nummer sicher gehen willst mit der Farbintensität.
Glückwunsch! Du hast dein erstes Pastellbild gemalt. Und ja, vielleicht ist es nicht perfekt. Vielleicht ist der Apfel ein bisschen schief, die Schatten nicht ganz richtig, der Hintergrund fleckig. Aber weißt du was? Das ist völlig egal.
Wichtig ist, dass du angefangen hast. Dass du die Grundtechniken ausprobiert hast. Dass du gespürt hast, wie sich die Kreide auf dem Papier anfühlt, wie Farben ineinander übergehen, wie aus Strichen ein Bild wird.
Jeder einzelne Künstler, dessen Werke du bewunderst, hat mal genau so angefangen. Mit einem schiefen Apfel, mit unsicheren Strichen, mit Selbstzweifeln. Der Unterschied zwischen ihnen und jemandem, der es nie lernt, ist nur einer: Sie haben weitergemacht.
Also mal direkt das nächste Motiv. Eine Birne. Eine Zitrone. Eine Tasse. Mit jedem Bild wirst du sicherer. Du lernst, wie viel Druck du brauchst, wie du Farben mischst, wie du Tiefe erzeugst. Und irgendwann – vermutlich schneller, als du denkst – malst du Bilder, die dich selbst überraschen.
Lass mich zum Schluss noch ein paar klassische Anfängerfehler ansprechen, damit du sie von vornherein vermeiden kannst.
Zu viel verwischen: Hab ich schon erwähnt, aber es kann nicht oft genug gesagt werden. Wenn du jede Fläche komplett verblendest, verliert dein Bild Struktur und Charakter. Lass ruhig mal ein paar Striche stehen.
Zu wenig Schichten: Pastell lebt von Schichten. Eine dünne Farbschicht wirkt fade. Trag ruhig zwei, drei Schichten auf – natürlich mit Verblenden dazwischen. So bekommt dein Bild Tiefe und Leuchtkraft.
Zu komplexes Motiv zu früh: Ich weiß, ich klinge wie eine kaputte Schallplatte, aber dieser Punkt ist so wichtig. Fang wirklich mit simplen Motiven an. Dein Ego überlebt es, einen Apfel zu malen, bevor du die Mona Lisa angehst.
Angst vor Fehlern: Pastell ist super fehlerfreundlich. Du kannst fast alles korrigieren. Also hab keine Angst, Dinge auszuprobieren. Mal mit verschiedenen Farben experimentieren, mal dicker auftragen, mal ganz sanft. Nur so findest du deinen eigenen Stil.
Pastellmalerei ist keine Raketenwissenschaft. Es ist eine wunderschöne, unmittelbare Art, kreativ zu sein. Ohne großen Aufwand, ohne komplizierte Technik – einfach du und die Farben.
Also schnapp dir deine Kreiden, such dir ein einfaches Motiv und leg los. Dein erstes Pastellbild wartet schon darauf, von dir erschaffen zu werden. Und glaub mir: Der Moment, wenn du es fertig in den Händen hältst, ist ein ganz besonderer. Da ist diese Mischung aus Stolz und Überraschung – "Das hab ich gemacht?" – die süchtig macht.
Viel Spaß beim Malen!
ÜBER DEN AUTOR

Andreas Stolz
Leidenschaftlicher Naturliebhaber und begeisterter Natur- und Tiermaler mit Pastellkreide
Leidenschaftlicher Naturliebhaber und begeisterter Natur- und Tiermaler mit Pastellkreide.
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