Du sitzt vor deinem Tierporträt und spürst es: Irgendetwas stimmt nicht. Das Fell sieht flach aus, die Augen leblos. Dabei hast du doch so sorgfältig gearbeitet. Der Grund liegt meist nicht in deiner Technik – sondern darin, dass du die Pastellfarben nicht richtig gemischt hast.
Stell dir vor, du malst einen Golden Retriever nur mit den Farben direkt aus der Schachtel. Braun für Fell, Schwarz für Nase, fertig. Das Ergebnis? Ein symbolisches Bild. Erkennbar, aber ohne Leben.
Die Wahrheit ist: In einem einzigen Fellstrich verstecken sich fünf, sechs verschiedene Farbtöne. Warme Erdtöne treffen auf kühle Grauschleier, Lichtreflexe schimmern golden, in den Schatten schlummern violette Untertöne. Diese Komplexität erreichst du nur durch bewusstes Mischen.
Bei Pastellkreiden funktioniert Mischen anders als bei Aquarell. Du mischst nicht auf der Palette, sondern direkt auf dem Papier – Schicht für Schicht, Farbe für Farbe, bis aus einzelnen Strichen ein lebendiges Wesen entsteht.
Hier kommt eine unbequeme Wahrheit: Die meisten scheitern nicht an der falschen Farbe – sie scheitern am falschen Tonwert.
Bevor du darüber nachdenkst, ob du Ocker oder Siena nimmst, frag dich: Wie hell oder dunkel ist dieser Bereich wirklich? Ein perfekter Farbton im falschen Tonwert wirkt trotzdem flach.
Beginne deshalb mit einer neutralen Untermalung. Nimm ein kühles Grau, vielleicht mit einem Hauch Oliv. Setze damit die großen Formen und ersten Schatten. Diese Basis tut drei Dinge gleichzeitig:
Diese unspektakulär aussehende erste Schicht ist der Unterschied zwischen einem okay-en Bild und einem, das Menschen berührt.
Jetzt wird's spannend. Realistische Fellfarben entstehen durch Gegensätze. Wenn du einen Fuchs malst, ist sein Orange nie nur Orange. Schau genauer hin:
Diese komplementären Farben setzt du nicht flächig, sondern als hauchdünne Schichten. Ein, zwei sanfte Striche genügen. Du verschmierst nicht aggressiv – du setzt gezielt, um Sättigung zu zähmen und Tiefe zu erzeugen.
Warme Töne:
Kühle Gegenspieler:
Neutrale Anker:
Das Geheimnis liegt nicht in vielen Farben – sondern in der intelligenten Kombination weniger.
Schicht 1 – Die Form: Mittlere Tonwerte, breite Striche. Entscheidend: Arbeite bereits jetzt in Wuchsrichtung des Fells. Am Rücken anders als an der Schnauze, am Hals anders als an den Pfoten. Diese erste Schicht gibt dir das Gerüst.
Schicht 2 – Das Licht: Jetzt kommt der Warm-Kalt-Dialog. Die Regel, die alles verändert: Warmes Licht erzeugt kühle Schatten. Kühles Licht erzeugt warme Schatten.
Sonnenlicht am Nachmittag ist warm – golden, orange. Die Schatten bei diesem Licht tendieren ins Bläuliche, Violette. Dieser Temperaturkontrast lässt Fell dreidimensional werden.
Schicht 3 – Die Details: Erst jetzt holst du Details hervor. Feine Härchen mit gespitztem Stift. Glanzlichter – aber nicht mit reinem Weiß, sondern mit cremefarbenem Ocker. Diese gebrochenen Lichter wirken organischer.
Der Trick: Setze Highlights direkt neben leicht gedämpfte Halbtöne. Dieser Kantenkontrast lässt das Fell knistern.
Wenn die Augen nicht funktionieren, ist der Rest egal. Und Augen sind die komplexeste Farbmischung überhaupt.
Schritt 1 – Gedämpfter Grundton: Beginne mit einer Mischung aus Ocker und Warmgrau. Absichtlich unspektakulär. Das gibt dir Raum für Lichter und Schatten.
Schritt 2 – Warme Strahlen: Setze von der Pupille ausgehende Strahlen in Siena. Diese Strahlen variieren in Intensität – wie in echten Augen.
Schritt 3 – Kühle Mikroakzente: Jetzt kommt der Game-Changer: Setze winzige kühle Akzente. Ein Hauch Violett zwischen warmen Strahlen. Ein minimaler Blauschleier im äußeren Bereich. Diese kühlen Töne erzeugen Tiefe.
Schritt 4 – Pupillenrand: Am Übergang von Pupille zu Iris setzt du einen fast schwarzen, leicht kühlen Saum. Diese dunkle Kante mit Blauhauch lässt den warmen Kern förmlich leuchten.
Schritt 5 – Catchlights: Erst zum Schluss die Lichtreflexe – nicht mit reinem Weiß, sondern mit sehr hellem, cremefarbenem Pastell. Präzise setzen, meist zwei Reflexe unterschiedlicher Intensität.
Diese Lichter funktionieren nur, wenn das Fundament aus gemischten Farben stimmt. Reines Weiß auf flacher Farbe sieht tot aus.
Das Papier ist nicht nur Untergrund – es ist aktiver Teil deines Mischprozesses.
Der fatale Anfängerfehler: Zu früh zu fest drücken. Nach drei Schichten ist das Papier "voll", die Oberfläche gesättigt. Weitere Farbaufträge rutschen nur noch darüber.
So machst du es richtig: Arbeite anfangs mit minimalem Druck. Die ersten Schichten sind geisterhaft zart. Das fühlt sich unbefriedigend an – aber genau das ist der Trick. Diese zarten Schichten lassen dem Papier seinen Zahn und geben dir Raum für spätere Highlights.
Erst in den letzten Schichten erhöhst du den Druck für intensive Akzente.
Fehler 1 – Zu reine Farben: Du verwendest Farben direkt aus der Schachtel. Das wirkt wie Clipart – symbolisch, nicht real.
Lösung: Brich jede Farbe mit einem komplementären oder neutralen Ton. Selbst intensivstes Orange braucht einen Hauch Blaugrau.
Fehler 2 – Zu wenige Tonwertstufen: Alles bewegt sich in Mitteltönen. Keine tiefen Schatten, keine leuchtenden Lichter.
Lösung: Sei mutiger mit Kontrasten. Deine dunkelsten Schatten dürfen fast schwarz sein, deine hellsten Lichter fast weiß.
Fehler 3 – Warm auf warm: Du kombinierst nur warme Farben. Orange, Siena, Ocker – alles warm. Das wirkt flach.
Lösung: Führe kühle Gegenspieler ein. Auch in wärmsten Fellpartien braucht es kühle Untertöne.
Bevor du an deinem nächsten Tierporträt arbeitest: Nimm ein Reststück Papier und eine warme Fellfarbe – sagen wir Ocker.
Mische drei Versionen:
Setze sie nebeneinander. Vergleiche mit deinem Referenzfoto. Welche fängt das Licht am besten ein?
Diese drei Minuten trainieren dein Auge schneller als Stunden Theorie.
Das Beste, was über dein Bild gesagt werden kann, ist nicht "Wow, tolle Technik!" – sondern "Das Tier schaut mich an."
Wenn Betrachter die Farbe sehen, hast du zu laut gemalt. Wenn sie das Tier sehen, hast du richtig gemischt.
Du malst nicht Braun – du malst Fell im Licht. Du malst nicht Grün – du malst den Schimmer in einem Auge. Du mischst, weil echtes Leben nie aus nur einer Farbe besteht.
Fang beim nächsten Bild an: Neutrale Basis, geduldige Schichten, bewusst gebrochene Sättigungen, späte Highlights, Warm-Kalt-Kontraste.
Genau dieses durchdachte Mischen führt dich von einem netten Bild zu einem Tierporträt, das Menschen berührt. Das ist der Moment, in dem dein Tier nicht mehr gemalt wirkt – sondern anwesend.
ÜBER DEN AUTOR

Andreas Stolz
Leidenschaftlicher Naturliebhaber und begeisterter Natur- und Tiermaler mit Pastellkreide
Leidenschaftlicher Naturliebhaber und begeisterter Natur- und Tiermaler mit Pastellkreide.
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